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Kerndatensatz Forschung: Mal wieder Quantität statt Qualität?

März 20th, 2016 by Ronja Flick · Hinterlasse einen Kommentar

Im Januar 2016 hat der Wissenschaftsrat die Empfehlung ausgesprochen, den Kerndatensatz Forschung als Richtlinie zur einheitlichen Dokumentation von Forschungsleistungen allgemein einzuführen. Der Kerndatensatz Forschung gibt Standards vor, nach denen zukünftig deutschlandweit Daten über Wissenschaftler_innen und ihre Leistungen erfasst werden sollen. Wesentliche Indikatoren sind Publikationen, Drittmittelprojekte, Patente und Firmengründungen.

Hinnerk Feldwisch-Drentrup schreibt dazu in seinem Artikel „Die Vermessung der Wissenschaft“ (taz, 20.03.2016): Weil die so vereinheitlichten Informationen „leichter verglichen werden können als der eigentliche Inhalt wissenschaftlicher Arbeit, könnten Drittmittelanträge schnell anhand der Zahlen vorausgewählt werden – oder bei Berufungen nur diejenigen eingeladen werden, die gut abschneiden“. Dass Forschungsleistungen anhand von Daten wie der Anzahl der Publikationen oder der Menge der Drittmittel bewertet werden, soll durch die Spezifikation des Kerndatensatzes Forschung also zur Regel erhoben werden. Für künftige Nachwuchswissenschaftler_innen heißt das, dass sie nahezu von Beginn ihres Forscherdaseins an mit dem Standard gemessen werden. Feldwisch-Drentrup hat darüber unter anderem mit Matthias Winterhager (Universität Bielefeld) gesprochen, der an der Entwicklung des Kerndatensatzes Forschung mitgewirkt hat: „Die Betroffenen würden kaum erkennen, dass der derzeit unverbindliche Standard bald bindend wird […]“ und für ihre akademische Laufbahn Folgen haben kann. Eine Auswirkung werde sein, dass es (noch) weniger darauf ankommen werde, „gute Forschung zu machen, sondern gute Indikatoren zu erreichen“. Der Wissenschaftsrat weist selbst „auf mögliche Nebenwirkungen ausdrücklich hin: Die Angaben im Kerndatensatz würden keinesfalls ausreichen, um wissenschaftliche Leistungen zu bewerten. Dazu bedürfe es weiterhin Wissenschaftler, die sich auf dem jeweiligen Gebiet gut auskennen“.
Kritiker_innen wie der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands bemängeln, dass Wissenschaftler_innen zu wenig an der Erarbeitung des Kerndatensatzes Forschung beteiligt waren und bisher keine öffentliche Debatte dazu stattgefunden hat. Befürchtet werden Bewertungen nach fachfremden Kennzahlen, ein Aussbremsen von Kreativität und eine Einschränkung der Forschungsfreiheit. Wenn der Standard zu Lasten der Vielfalt und Qualität in Forschung sowie Lehre geht, werde das darüber hinaus Nachteile für die Studierenden bringen.
Der Kerndatensatz Forschung soll alle fünf Jahre überprüft und angepasst werden. Feldwisch-Drentrup: „Ob eine künftige Evaluierung jedoch noch dazu führen kann, die verstärkte Quantifizierung der Wissenschaftslandschaft aufzuhalten, darf bezweifelt werden. Zumindest haben die betroffenen Forscher kein Wort mehr mitzureden. Für Änderungsvorschläge aus den Hochschulen hatte es einmalig eine achtwöchige Kommentierungsphase gegeben. Für die weitere Beurteilung des Datensatzes will der Wissenschaftsrat nur ‚einschlägige‘ Experten befragen“.

Quelle: taz.de

Weitere Informationen:

kerndatensatz-forschung.de

forschungsinfo.de

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